Teil 1 Gruppe 20
Titel: Warum Hermes zu Lotte kam oder Die Geschichte einer Entscheidung
Was war eigentlich geschehen? Lotte lag, mit dem Blick auf die nackte Zimmerdecke gerichtet, auf ihrem Bett. Um sie herum war es dunkel und es herrschte absolute Stille endlich, denn in ihrem Kopf hallten immer noch die erregten, durch die Tür nur leicht gedämpften, Stimmen: Du blöde Kuh, verpiss dich doch, ich kann dich hier nicht brauchen! Ein kurzer Moment der Ruhe und dann war ein Kochtopf oder so etwas ähnliches in die Schrankwand geknallt. Merit hatte aufgeheult und war Türen zuschmeißend aus dem Haus gerannt. Das hatte Lottes Mutter in letzter Zeit häufig getan. Die ganze Szene war jetzt zwei Tage her. Die kompletten 48 Stunden hatte sie sich nicht blicken lassen und dann kam sie heute wieder, um die Bombe platzen zu lassen. Lotte, mein Kind, lass uns in die Küche setzen und wie vernünftige Menschen mit'nander reden. Pah, dass ich nicht lache, sag das mal Karl. Ihr Vater drückte sich die ganze Zeit unsicher hinter der Mutter an der Flurwand entlang. Ihr habt euch satt! 'Die blöde Kuh' und 'das Arschloch' können sich nicht mehr leiden, ganz einfach - und wollen sich scheiden lassen. Es wäre für uns alle das Beste, Schätzchen, bla bla und jetzt musst du dich NUR NOCH für einen von uns entscheiden. Danke, ich weiß schon, nur spiele ICH dabei nicht mit! Dann rannte sie aus dem Flur in ihr Zimmer und schloss sich ein, die Eltern waren verwirrt zurückgeblieben. So hatten sie sich das wohl alles nicht vorgestellt. Danach brach der heftigste Streit seit langem aus, der wie immer in die Auszeit ging: Merit verließ das Haus, aber diesmal für immer. Erst jetzt in der Dunkelheit kamen die Tränen und auch die schmerzende Gewissheit zurück, dass sie nicht mehr konnte, dass sie keine Kraft mehr hatte und einfach nur weg wollte. Doch ehe Lotte einen Entschluss fassen konnte, fielen ihr die Augen zu und sie versank in einen merkwürdigen Traum. Ein Hund kam darin vor. Und ein Schloss... Lotte war kurz nach dem Einschlafen von einem lauten Bellen vor ihrem Fenster geweckt worden. Das war nicht ungewöhnlich, passierte häufiger, doch das Bellen hörte nicht auf. Schließlich stand sie auf und ging zum Fenster. Draußen saß der Hund, etwas abseits vom Licht der Straßenlaterne. Ohne zu wissen warum, öffnete Lotte das Fenster und kletterte hinaus, an der Hauswand ohne Schwierigkeiten vier Stockwerke nach unten und ging zu dem Tier. Es war groß und hatte raues Fell aus einer Mischung aus Braun- und Orangetönen. Oder war das die Straßenlaterne die ihn so gelblich einfärbte? Dann waren liefen sie plötzlich auf einem Weg, von dem immer kleinere Pfade abzweigten., mal akkurat angelegt und mal willkürlich in den Rasen getrampelt. Der Hund und sie liefen auf eine Anhöhe, aber keiner schien den anderen zu führen. Und dann wurden in ihrem Kopf Stimmen lauter, erst wie durch Schneefall gehört und bald direkt in ihrem Kopf, bis sie bemerkte, dass es ihre eigene Stimme war, die sich unterhielt. Sie sprach mit dem Hund, doch ohne die Worte zu verstehen; sie hörte sie klar und deutlich, wie in einer fremden Sprache. Sie schienen darüber zu reden wo sie lang gehen sollten. Der Hund und Lotte bogen ein letztes Mal in einen Weg ein und dort ragte ein großes Schloss vor ihnen auf. Es stand dort, gigantisch und stahlblau in der Nacht. Es schien ihr vertraut. Sie sahen sich an und da - endete der Traum. Am nächsten Morgen wachte Lotte auf und fühlte sich verwirrt und beklommen. Etwas an dem Traum war zu realistisch, zu außergewöhnlich. Plötzlich vernahm sie ein Bellen. Nicht so laut und stetig wie im Traum, aber es war tatsächlich das gleiche Bellen wie sie es in der Nacht gehört hatte. Wie benommen stand Lotte auf, ging zum Fenster und richtete langsam den Blick auf die Straße unter ihr. Ihr Herz setzte für einen Moment aus, denn dort unten, genau wie im Traum, saß der große Hund, etwas abseits, am Gehweg und schaute direkt zu ihrem Fenster. Er bellte zweimal. Und als ob es eine Aufforderung gewesen wäre, auf die Lotte gewartet hätte, zog sie sich mechanisch an, nahm den Schlüssel und ihren Rucksack, der an ihrer Tür stand, und ging nach unten, ohne sich zu fragen, warum ihr Rucksack bereits gepackt war oder warum der Hund plötzlich dort unten saß. Als sie aus dem Haus trat, stand der Hund direkt vor der Tür und schaute zu ihr hoch. Er war wirklich groß und rotbraun. So eine Rasse hatte sie noch nie gesehen. 'n'Morgen, Hermes, murmelte sie. Lotte,, sagte der Hund und nickte, "komm, wir müssen los. Wovon hast du geträumt?" Lotte beschrieb ihm den Traum und die Orte die sie gesehen hatte. Hermes nickte wieder und lief los, Lotte folgte ohne zu fragen.
Teil 2 Gruppe 20
Lotte und der Hund liefen in wortlosem Einverständnis nebeneinander her. Lotte fand es nicht verwunderlich, dass die Umgebung ihr schon nach kurzer Zeit unbekannt vorkam, obwohl Hermes und sie erst ein paar hundert Meter von zu Hause entfernt sein konnten. Aber halt - was sie sah, war nicht völlig neu. Die Anhöhe, die sie nun erklommen, kannte sie aus dem Traum der vergangenen Nacht und die Pfade, die links und rechts abzweigten, ebenfalls.
Lotte schien es auch normal, dass der Hund und sie miteinander reden konnten, nein, mehr noch: Es war völlig richtig und notwendig.
Nach einer Weile fühlte Lotte das Bedürfnis zu sprechen. Wenn man einen Vater hat, der die Mutter seit Jahren immer wieder Blöde Kuh nennt und eine Mutter, für die der Vater schon lange ein Arschloch ist, wenn das noch die netteren Ausdrücke sind, die Eltern füreinander haben, und wenn die beiden dann endgültig auseinanderrennen, dann muss man als Kind dieser beiden Spezialisten irgendwann mal mit irgendwem darüber reden. Dass der Gesprächspartner ein großer, rotbrauner Hund war, störte überhaupt nicht. Abgesehen von dem ganzen Elternmist hätte Lotte es aber auch schade gefunden, wenn sie die Chance, ausführlich mit diesem Hund zu reden, verpasst hätte. Außerdem hatte sie eine Vermutung:
"Du bist ein Scheidungshund, stimmt´s?"
Hermes nickte. "Ich bin der Hund, auf den die Kinder kommen, wenn Eltern sich nicht mehr lieben, sondern zu hassen beginnen." Er zog die Lefzen ein wenig hoch und lächelte. Ja, Hermes konnte lächeln. "Ich bin besser als mein Ruf."
"Gut, dass du so nett bist", sagte Lotte. "Aber wie kommt das? Müsstest du nicht eigentlich ein zähnefletschendes Ungetüm sein?"
"Nein,nein." Hermes schüttelte den Kopf. "Erstens habt ihr schon genug Ärger. Einen bissigen Hund könnt ihr nicht gebrauchen. Und zweitens ist es gut, wenn in der miesen Situation, in der ihr steckt, eine Entscheidung gefällt wird. Dafür bin ich zuständig."
In der Ferne nahm Lotte allmählich eine riesige Silhouette gegen das Licht der Morgensonne wahr. Sie wirkte rätselhaft und sogar ein wenig furchteinflößend. Vielleicht lag es an dem glänzenden Stahlblau. Die Farbe signalisierte Eindeutigkeit, Entschlossenheit und Unbedingheit und damit alles, was Lotte in ihrem Gefühlschaos nicht zu bieten hatte.
"Was ist das?", fragte sie zaghaft.
"Es ist das Schloss der Entscheidung", erwiderte Hermes.
Lotte zuckte zusammen.
Der Hund richtete sich auf und legte ihr eine Pfote auf die Schulter.
Teil 3 Gruppe 20
Als sich Lotte, darüber verwundert, zu Hermes drehte, stand er bereits wieder auf seinen vier Beinen.
"Was ist, wenn ich nicht reingehe?"
Lotte sah den Hund mit leicht provozierendem Blick an. Als der jedoch zurückblickte, mit einem Blick, der von vielen Jahren Lebenserfahrung, von Weisheit sprach, kam sie sich dumm vor. Sie war doch kein kleines Kind mehr, das trotzig "Und wenn nicht?" fragt. "Es würde nichts geschehen, ich würde dich zurück nach Haus bringen, und nicht mehr." Nun war es Hermes, der fragend blickte.
"Nein. Ich hab's nicht ernst gemeint. Lass uns gehen.", und nach einigem Zögern, "..du kommst doch mit, oder?"
Hermes stieß sie nur mit seinem großen Kopf ins Kreuz und, eine solche Kraft nicht erwartend, stolperte Lotte gegen das Tor, dass gleich nachgab und ein paar Zentimeter weit aufschwang. Gemeinsam liefen sie den Weg hinauf zum Schloss. Es hatte keine Tür, nur Fenster und eine Leiter, was Lotte sehr merkwürdig fand. Als sie wieder einen Stoß, diesmal etwas sanfter, in den Rücken bekam, begann sie hinaufzuklettern; oben angekommen, saß Hermes schon am gegenüberliegenden Rand des Daches. Noch eine Leiter. Lotte hörte auf, sich Fragen über die Konstruktion dieses Gebäudes zu stellen.
Schließlich kamen sie (durch eine Röhre, die sich in mehreren Kurven in die Tiefe geschraubt hatte) in einen winzig kleinen Raum, von dem aus kein weiterer Weg abging. Er war recht eigentümlich eingerichtet, in orangebraunen Plüschmöbeln. "...hässlich..." entfuhr es Lotte und sah gleich darauf schuldbewusst zu Hermes. Er tat, als hätte er nichts gehört und wies Lotte einen Platz auf einer niedrigen Couch zu. Vor der Couch stand ein kleiner Tisch aus dunklem Holz, der wie zum Kaffe gedeckt war. Das und die rüschengeschmückte Lampe, die von der Decke hing, konnte Lotte noch sehen, bevor letztere im selben Moment ausging. Erschreckt über die Wirkung ihres Blickes, schrie Lotte kurz auf. Das Licht ging wieder an und vor ihnen stand nicht mehr der Tisch, sondern ein Sessel mit einer riesigen Frau darin. Der Sessel stand so dicht vor ihnen, dass Lotte weiter ins Sofa zu rutschen versuchte. "Charlotte Rheinhart?", fragte die Frau, doch sie sprach so undeutlich, dass Lotte erst nach ein paar Sekunden antwortete. "N-nein, nur Lotte. Lotte Rheinhart" "Chrhm... arehchmhhch... Entscheidungen? .. chrmmh-grmm ...schrecklich.." nuschelte die Frau vor sich hin. Lotte setzte sich etwas aufrechter und rutschte wieder weiter nach vorn, um besser zu verstehen. "Entschuldigung, was sagten Sie, bitte?" Die Frau sah sie verwirrt an. "..wiederhole nichts.. chrmmschr.. .. imm'mehr.. . s' viel'Trennung .. chrmschnnnmng.." Hilfesuchend wandte sich Lotte zu Hermes, doch der war einfach eingeschlafen. Die Frau nuschelte noch eine ganze Weile weiter, dann ging das Licht wieder aus und an, und da stand wieder derTisch. Hermes wachte auf. "Und..", er räusperte sich, "weißt du jetzt, was du machen musst?" "NEIN, ich habe nichts verstanden - und DU schläfst einfach!" "Hast du denn nicht zugehört?"
"Sie hat so undeutlich gesprochen. Ich habe sehr wohl zugehört! Guck nicht so. Sie hat irgendwas von morgen, Station 53, Gärten und Zeppelinen gesagt. Und zum Schluss, so 'was wie 'Sinnlos, weiß sowieso schon, was sie will'. Wenn sie damit mich gemeint hat, irrt sie sich. Ich weiß überhaupt gar nichts mehr. Und ich will jetzt hier raus. Hier stinkt's."
Hermes nickte nach diesem Redeschwall nur und sprang vom Sofa. Sie stiegen in die Röhre, die, anders als vorhin, nach unten führte. Sie rutschten hinunter und purzelten bald auf ein Dach, das ganz ähnlich aussah, wie das erste, auf dem sie gewesen sind. Aber es war nicht mehr das Dach des Schlosses in ihrer Stadt, es war das Dach eines normalen Hauses, und ringsumher waren noch viele andere solcher flachen Dächer. Lauter Neubauten. Das war nicht mehr die Stadt, in der Lotte lebte. "Da wären wir. Station 53 - das hatte die Alte doch gesagt, nicht wahr, Lotte?" "Ähm, ja, schon. ...wo sind wir Hermes?", ihre Stimme zitterte. Lotte fühlte sich nicht mehr wohl in ihrer Haut, sie erkannte nichts und wie sollten sie hier nur wieder runter kommen? Die Tür war bestimmt abgeschlossen. Sie wollte weg, aber nicht nach Haus, nie wieder wollte sie dahin. Hermes, der mitbekommen hatte, was in Lotte vorging, legte seinen Kopf in ihren Schoß, denn Lotte saß inzwischen auf dem grauen Betonboden.
Teil 4 Gruppe 20
Hermes´ Nähe tat Lotte gut.
"Wer war diese große, nuschelnde Frau im Sessel eigentlich?", fragte sie und kraulte ihrem Begleiter am Kopf.
Der Hund seufzte wohlig. Offenbar bekam er genau so gern wie alle anderen Hunde Streicheleinheiten. Dann erwiderte er träge: "Die Familien-Riesin."
"Familien-Riesin?"
Hermes gähnte ausgiebig, streckte die Glieder und rappelte sich auf.
"Die Familie tritt im Leben fast aller Menschen als Riesin auf, die sie immer begleitet", sagte er. "Im Guten wie im Schlechten, bewusst und unbewusst. Und wenn ein Mensch von Anfang an keine Familie hat, dann tritt eben dieses Fehlen der Familie als Riesin auf. Dann wirft die Familien-Riesin einfach ihren gewaltignen Schatten auf ihn."
Lotte sah Hermes nachdenklich an. "Und wieso hat sie so undeutlich gesprochen?"
"Bei der weiß man nie." Hermes zuckte die Schultern. Das sah drollig aus. "Sie ist mal so und mal so. Und dann wieder ganz anders. Und manchmal ist sie auch einfach nicht in Form. Bei dir schien sie nicht so recht zu wissen, was am besten zu tun sei."
"Gut, dass ich es weiß", sagte Lotte. "Ich gehe nicht mehr nach Hause."
"Wenn das deine Entscheidung ist, werde ich sie nicht zu ändern versuchen." Hermes nickte leicht mit dem Kopf. Dann neigte er ihn ein wenig und sah sie fast schelmisch an. "Aber willst du nicht dennoch wissen, was es mit der Station 53, mit den Gärten und den Zeppelinen auf sich hat? Und wieso wir nun hier auf dem Dach dieses Hauses sitzen?"
"Doch", sagte Lotte. " Vorausgesetzt, es hat etwas mit mir zu tun."
Hermes lachte laut auf. "Mit wem denn sonst?!"
Er zeigte mit der Pfote auf einen Weg tief unten zwischen den Häusern. "Es sieht auf den ersten Blick nicht so aus", sagte er. "Aber wir sind jetzt im Garten der Möglichkeiten."
Lotte erstarrte.
Sie sah ihre Eltern. Sie sah Merit und Karl. Sie waren jung. Und sie waren fröhlich. Sehr fröhlich sogar. Sie flirteten miteinander. Lotte hörte ihre Stimmen.
"Ich möchte einmal mit einem Zeppelin um die Welt fliegen", sagte Karl gerade und seine Augen leuchteten. "Möglichst mit einem selbstgebauten, aber zumindest möchte ich selbst am Steuerruder stehen. Würde Ihnen das gefallen?"
Lottes Mutter lachte. "Haben Sie denn einen Zeppelin-Führerschein?"
Der Vater lachte zurück. "Natürlich!", rief er. "Und Sie dürfen mitfliegen. In meiner schönsten Kabine!"
Da errötete Merit sehr nett und sehr schüchtern.
Lotte folgte dem Gespräch aus der Vergangenheit gebannt. Sie erlebte mit, wie ihre Eltern erfreut feststellten, dass beide auf der gleichen Krankenhaus-Station zu arbeiten begannen, der Station 53. Lotte stellte fest, dass Hermes und sie nun vom Dach eben dieses Krankenhauses auf ihre Eltern blickten und sie war dabei, als sie sich zum ersten Rendez vous verabredeten.
Sie sah das Glück in Merits und Karls Augen.
Teil 5 Gruppe 20
Doch plötzlich veränderte sich das Bild. Ihre Gesichtszüge begannen sich zu verzerren, verschwommen und beängstigend wirkte alles und der Boden unter Lottes Füßen schien zu rotieren. Hermes, Hermes, wo bist du?! Krampfhaft tastete Sie nach dem zottigen Fell neben ihr. Lotte bekam ein Ohr zu fassen und plötzliche Ruhe strömte in sie zurück, im selben Moment, in dem sich alles um sie herum wieder aufzuklaren begann. Hermes und Lotte schienen immer noch im Garten der Möglichkeiten zu stehen, doch die Szenerie hatte sich geändert: sie standen nun in einem muffig riechenden Raum, ein Sofa stand darin, an einem Tischchen saßen versteift zwei alte Leute, die grimmig aneinander vorbei in die Leere starrten.
Lotte glaubte ihr Wohnzimmer daheim wiederzuerkennen und irgendwie kamen ihr auch die beiden vergrämten Gestalten vor ihnen sehr bekannt vor. Sie suchte nach vertrauten Zügen in ihren Gesichtern und schreckte zurück! Dort am Tisch saßen IHRE Eltern, nur alt und faltig...und furchtbar verbittert, wie es schien. W-w-wie kann das sein, stotterte Lotte. Da begann die alte Frau, Merit, zu sprechen: Musst du immer so schmatzen beim Essen? Ich hasse es, dir dabei zuhören zu müssen. Dabei kann einem ja der Appetit vergehen! Karl schlürfte nur resigniert seine Suppe weiter.
Und wieder begann sich alles um sie herum zu drehen. Lotte konnte kaum fassen, was sie da gerade mit ansehen musste und schon stand sie wieder an einem anderen Ort. Diesmal sah alles viel wirklicher aus. Niemand außer Lotte schien noch anwesend zu sein. Sie stand ganz allein auf einer Wiese. Verwirrt drehte sie sich um sich selbst. Wo war Hermes? Und plötzlich erkannte sie den Park wieder, in dem sie letztes Jahr mit den Eltern und ihrer Großmutter spazieren gegangen war als sie sie in Potsdam besucht hatten, kurz nach dem Tod von Großvater, denn Elisabeth hatte nicht allein in ihrem großen Haus auf dem Lande wohnen wollen und war zurück in ihre Heimatstadt Potsdam gekehrt.
Wie hieß der Park doch gleich? Sansoucci - Ohne Sorgen, das hatte ihr Oma damals erzählt. Pah, das war ja zum heulen! Das konnte doch alles nicht wahr sein. Wo zum Teufel war Hermes abgeblieben, hatte sie sich denn alles nur eingebildet? Was sollte das alles? Als ob Lotte nicht schon genug verwirrt gewesen wäre. Verunsichert blickte sie sich um und beschloss dann einen schmalen Weg einzuschlagen, der auf ein kleines Schloss führte. Dunkel versuchte sie sich daran zu erinnern, wo genau Elisabeth wohnte; irgendwo ganz in der Nähe des Parks...
Lotte, rief die Oma erschrocken aus als sie ihr Enkelkind verheult und dreckig auf der Türschwelle erkannte. Wo kommst du denn her? Das würde Lotte selber wohl am liebsten erfahren. Enkeltochter und Großmutter setzten sich in die Küche, Lotte begann zu erzählen...die Eltern, der Traum, oder nein, doch kein Traum, oder vielleicht doch? Na jedenfalls die Riesin und wieder die Eltern und dass sie vor lauter Streit vergessen hatten, sie, Lotte, zu lieben! Zu wem sollte sie denn nun gehen, für wen sich entscheiden?!
Elisabeth verstand alles auf Anhieb, brauchte keine Fragen, um zu begreifen, sie hörte einfach nur zu. Hermes, sagtest du, ist der Hund, der dich begleitet hat, fragte sie zum Schluss. Ja, aber...aber ich verstehe nicht..., stammelte Lotte.
Er wollte dir etwas sehr wichtiges zeigen, dein Hermes. Er hat dich in deine Gedankenwelt geführt. Du bist vollkommen verwirrt, aber wie kannst du glauben Merit und Karl hätten dich nicht mehr lieb? Du hast doch selbst gesehen, wie sie sich kennengelernt haben. SIE haben sich gemocht, und daraus bist du entstanden, das Kostbarste, was sie haben und sie brauchen dich!
Aber die alten Menschen, Karl...und Merit...sie...
Das Gesehene war nur eine Möglichkeit. Was, wenn sie sich bremsen, ihre Gefühle verdrängen würden und einfach versuchten, Liebe zu erfinden, die nicht da ist? Meinst du, ihr könntet glücklich werden? Was wird aus deinen Eltern, wenn sie sich zwingen zusammen zu bleiben, um dir nicht weh zu tun?
Lotte stellte noch eine Vase Veilchen auf den Tisch, klopfte die Sofakissen zurecht und stellte sich vor Erwartung gespannt ans Küchenfenster. Gleich würden Merit und Elisabeth zu Besuch kommen, um ihre neue Wohnung zu besichtigen. Karl war gestern schon da gewesen und vielleicht würde er Samstag zur Einweihungsparty kommen, auch wenn ihre Mutter da sein würde. Sie beide begannen ganz langsam wieder wie normale Menschen miteinander zu kommunizieren, zaghaft zwar, aber immerhin ein Anfang. Es war eine gute Entscheidung gewesen zu Elisabeth nach Potsdam zu kommen, vielleicht konnten sie zu viert auf diese Weise einen Weg für sich finden.
Es klingelte in dem Moment an der Tür, in dem Lotte vorne an der Straßenecke etwas entdeckte. Schnell rannte sie zur Tür und öffnete. Als sie jedoch ans Fenster zurückkam, war der große Hund mit dem orange-braunen Fell schon längst wieder verschwunden...
Titel: Warum Hermes zu Lotte kam oder Die Geschichte einer Entscheidung